Ein halbes Jahr Selbstständigkeit

oder:
Wie viel Freiheit ist gut für mich?

20201114_104308045_iOS.heic

Nun bin ich also schon ein halbes Jahr nicht mehr fest angestellt. Eins muss ich sagen: Die Zeit ist wahnsinnig schnell verflogen und doch kommt es mir Ewigkeiten her vor, dass ich meinen Laptop bei meinem Arbeitgeber abgegeben habe.

So viel ist passiert: Ich habe ein Gründungscoaching gemacht, ein Sachbuch im Rowohlt Verlag veröffentlicht, Dutzende Interviews gegeben (darunter live im Radio und Fernsehen), eine Jugendbuchtrilogie und ein weiteres Sachbuch erfolgreich Verlagen angeboten (mehr dazu bald!), meine Coachingangebote ausgebaut und mehrere journalistische Artikel veröffentlicht. Und das sind nur die beruflichen Dinge.

Wenn ich das so schreibe, bin ich selbst etwas überrascht, denn hier eine weitere Liste der Dinge, die ich ebenfalls gemacht habe: Ich habe Netflix geschaut, ausgeschlafen, Hörbücher gehört, Wäsche gemacht, aufgeräumt, gejoggt, rumgelegen – und so ziemlich alles gemacht, was mir eingefallen ist, um nicht zu arbeiten.

Tja, so ist das wohl, wenn man selbstständig ist: Man muss immer und nie arbeiten.

"So  ist das, wenn man selbstständig ist: Man muss immer und nie arbeiten."

Mein innerer Schweinehund war auch schon in der festen Anstellung einigermaßen groß, aber in der Selbstständigkeit ist er sehr viel ungebändigter – und das, obwohl ich meine Arbeit liebe. Die Sache als Soloselbstständige ist nämlich die, dass mich kein „Team-Checkin“ um 9 Uhr dazu drängt am Computer zu sitzen. Keine Kollegin fragt mich, ob ich die nächsten Social Media Posts schon vorbereitet habe. Im Gegenteil. Mit Ausnahme meiner externen Termine kann ich in meinem Kalender so ziemlich alles so oft verschieben, wie ich Lust – oder eben keine Lust – habe. Schließlich bin ich Chefin, Mitarbeiterin und Kollegin in einem.

Eins kann ich allerdings sagen: Eine sehr nette Chefin bin ich nicht gerade zu mir selbst… Ich bin eher die Sorte, die sagt: „Wieso hast du das nicht schon längst geschafft? Das Wochenende kannst du jetzt vergessen. Da wird gearbeitet.“ Die Kollegin in mir antwortet darauf dann: „Es ist wichtig, auch mal Pausen zu machen und sich über Erfolge zu freuen.“ Und ich als Mitarbeiterin sitze verwirrt dazwischen.

Kurz gesagt: Ich muss erst noch lernen, mit meiner neuen Freiheit umzugehen. Ich darf als Selbstständige alles machen, was mir gefällt. Theoretisch. Praktisch muss es zum einen finanziell funktionieren, zum anderen sozial verträglich sein (bis nachts und wochenends zu arbeiten geht meist auf Kosten meiner sozialen Pläne) und zuletzt sollte es meine Produktivität so gut es geht fördern. Ich lerne also viel über mich selbst und die Art und Weise, wie ich gut arbeiten kann. Dafür muss ich immer wieder neue Systeme, Routinen, Apps etc. ausprobieren und verwerfen – ganz entsprechend der „Mikro-Erfahrungen“, über die ich in „Plane nicht – lebe!“ schreibe.

"Ich muss erst noch lernen, mit meiner neuen Freiheit umzugehen."

Eine besondere Herausforderung ist dabei für mich die Vereinbarung der unterschiedlichen Tätigkeiten, die ich in meiner Freiberuflichkeit ausübe. Ich arbeite als Unternehmensberaterin, Copywriterin, Coach, Journalistin und Autorin. Einige dieser Tätigkeiten erfordern viel Austausch mit anderen Menschen und ein schnelles Erledigen von Aufgaben, andere (wie das Schreiben eines Buchs) funktionieren nur, wenn ich lange, ungestörte Arbeitszeiten für ein einzelnes Projekt habe. Meine nächste (größere) Mikro-Erfahrung sind also Schreib-Sabbaticals, in denen ich mich ein paar Tage oder Wochen aus dem hektischen Alltag zurückziehe und mich nur auf meine Schreibprojekte konzentriere.

Mal sehen, wie das für mich funktioniert. Vermutlich ist die Freiheit, die ich nun als Selbstständige habe, nicht die Freiheit, in jedem Moment alles tun zu können, worauf ich Lust habe. Sondern es ist die Freiheit, meine eigenen Grenzen zu ziehen. Denn dass ich Grenzen brauche, ist mir mittlerweile sehr klar.

 

Ich werde berichten, wie es weitergeht. Vielleicht in einem halben Jahr – wenn mein innerer Schweinehund es zulässt…

Ich freue mich über Fragen oder Feedback. Nutze dafür gerne mein Kontaktformular.

IMG_5281.heic

Mein Buch

Die Geschichte, die mich zur Mosaik-Methode geführt hat